Epigentik - die Umwelt hat oft lebenslange Folgen

Epigenetik - was ist das überhaupt?

Kurz gesagt, befasst sich die Epigenetik mit der Regulation der Gene, also des Erbgutes in jeder Zelle. Denn jede Zelle hat eigentlich den vollständigen Informationssatz einer Stammzelle, aber sie übernimmt - zum Beispiel, die Aufgaben einer Herzmuskelzelle. Oder einer Nervenzelle. Oder sie wird zu einem weißen Blutkörperchen und verteidigt den Körper gegen Bakterien …

Epigenetik - die Umwelt verändert das Erbgut DNS

Epigenetik befasst sich also mit der Regulation der Gene. Die ist nötig, damit der Organismus in seiner Umwelt angepasst funktionieren kann. Und dazu gehört auch die Reaktionen auf die Umwelt. So setzt der einfach gelernte Befehl "Sitz" beim Hund eine ziemlich komplizierte biochemische und elektrische Reaktion im Hunde-Gehirn voraus, die noch gar nicht völlig erforscht ist. Eindeutig aber ist, dass es sich um bleibende Veränderungen in der Zellfunktion handelt, die als Reaktion auf die Umwelt entstanden sind: dafür werden in den Nerven neue Botenstoffe gebildet. Sie werden in unterschiedlichen Mengen gebildet. Und es werden neue Verbindungen geknüpft. Dies alles setzt Veränderungen in der Ablesehäufigkeit der Gene voraus: das Erbgut wird so an die Umgebung angepasst.

Epigentik befasst sich also mit der Modifikation des Erbgutes in Anpassung an die Umwelt. Und diese Veränderungen können sogar an die Nachkommen weitergegeben werden.

Das heißt auch, dass eine ererbte Rassedisposition zu einer Krankheit nicht ausbrechen muss, wenn das Leben und die Umwelt dieses Tieres die DNS positiv beeinflusst - etwa durch eine besonders gesunde Nahrung oder ein besonders gesundes Leben.

Epigenetik: Einfluss der Umwelt auf die hormonelle Stress-Achse

Kortison ist ein wichtiges Medikament. Aber eigentlich ist es ein Hormon, das an der Regulierung der Körperfunktionen beteiligt ist. In der Stress-Achse hat es einen wichtigen Anteil an den Reaktionen des Körpers auf Aufregung, Stress und Furcht. Die gesamte Stress-Achse kann ebenfalls in Anpassung an die Umwelt in ihrer Funktion verändert sein.

Die Stress-Achse: Gehirn (Zellen des Hypothalamus) - untergeordnete Regelung (Hypophyse) - Hormon Kortison (Nebennierenrinde). Veränderungen in der Ablesehäufigkeit der Gene hier beeinflussen auch dauerhaft und jahrelang die Reaktionen auf Stress. Besonders empfindlich ist ein Organismus während der Embryonalentwicklung und überhaupt im Wachstum. Ein gelassener, ruhiger und liebevoller Umgang mit dem Muttertier und den Jungen ist so die Voraussetzung für umweltsichere erwachsene Hunde (und Pferde oder Katzen).

  • Hunde erlernen Nahrungsmittelvorlieben bereits während der Trächtigkeit der Mutter. Das erklärt die "Mäkeligkeit" vieler Auslandshunde.
  • (starker) Stress während der Trächtigkeit der Mutter und in der Welpenzeit verändert die Stressachse der Welpen: sie reagieren oft lebenslang mit vermehrter Scheue und Ängstlichkeit. Die fehlende Fürsorge der gestressten Mutter führt zu biochemisch nachweisbaren Veränderungen im Hormonsystem. Und das jahrelang, manchmal sogar für ein ganzes Hunde-Leben lang. Denn Cortisol beeinflusst das Immunsystem, und die dauerhafte Aktivierung des Flucht-oder-Kampf-Reflexes schwächt das Herz-Kreislaufsystem. Auch bei bester Fürsorge. Und leider gilt auch das für viele Auslands- und Tierheimhunde.
  • Pferde sind ungeeignet Tiere für solche Tests - ihre Haltung ist einfach zu teuer. Aber inzwischen weiß man, dass die Lebensbedingungen vieler Pferde auch in Deutschland stressig sind - Junghengste werden mit zweieinhalb Jahren gekört, davor werden sie zum Hengstaufzüchter transportiert, sie werden auf die Körung vorbereitet und trainiert. Dann werden sie angeritten, zur Auktion vorbereitet oder/ und auf Turnieren vorgestellt. Später leben sie oft in Einzelhaltung in Boxen. All das geben sie an ihr Nachkommen weiter.

Ergebnisse beim Menschen über Depressionen durch Stress in der Kindheit. Spiegel online, hier

Einfluss auch auf erwachsene Hunde und Pferde

  • Aber auch bei erwachsenen Tieren können schwere Schrecken die Funktion des Erbgutes anhaltend verändern. Das Post-Traumatische Belastungssysndrom PTBS (beim Menschen) beruht wahrscheinlich auf solchen Veränderungen beim Ablesen der Gene. So kann bereits ein (Auto-)Unfall beim Menschen zu schweren Störungen führen. Vermutlich kann auch der Import eines Hundes aus dem Ausland und schlechte Erfahrungen mit Menschen ein solches Trauma sein - mit ähnlichen Folgen für die Gesundheit.
  • Bei Pferden kann das Absetzen der Fohlen von der Mutter ein solches Trauma verursachen. Auch jeder Stallwechsel bedeutet für das Pferd einen Verlust der Umgebung, in der es sich auskannte. Sogar jeder Wechsel des Platzes in der Boxenreihe mit neuen Nachbarn stresst Pferde.
  • "Man ist , was man isst …" so kann die Regulation des Erbgutes auch durch die Ernährung verändert werden. Extremer Hunger (der Hungerwinter während des Krieges) führte bei Menschen zu verstärkter Anlagerung von Speicherfett - als Vorrat für Schlechte Zeiten. So ist das Metabolische Syndrom beim Menschen heute auch eine Folge der Hungerzeiten der Eltern. (Und das Metabolische Syndrom der Pferde? Jedenfalls wurden Pferde früher deutlich knapper gehalten und mussten sehr viel mehr arbeiten?)
  • Auch das "Schmerzgedächtnis" ist ein Beispiel für diese epigentische Veränderung des Erbgutes einer Zelle.
  • Auch Krebs entsteht häufiger durch eine fehlerhafte Regulation der Gene für das Zellwachstum. Seltener sind es echte Mutationen der Gene, die Krebs verursachen.

Gesunde Ernährung

Glücklicherweise kann man über die Ernährung auch (zumindest) gegensteuern und die Ablesehäufigkeit der Gene in Richtung "gesunder" beeinflussen. Eine gesunde Ernährung auch für Hunde verbessert die "Funktion" der Gene.

Therapie der Psyche?

Eine Psychotherapie gibt es für Hunde oder Pferde zwar nicht. Aber mit Fürsorge kann man das Hormonsystem langsam wieder normalisieren. Und Akupunktur kann helfen, die körperlichen Funktionen zu regulieren.

Zum Weiterlesen:

Epigenetik - öffentliches Wissenschaftportal

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